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Mama

Ich bin Julia.

Es gibt Momente, da denke ich, es sei erst gestern gewesen, dass ich zwanzig war.

Doch dann stehe ich vom Computer auf und brauche erstmal zehn Sekunden, bis ich überhaupt wieder aufrecht gehen kann.

Nein. Ich bin noch nicht mal vierzig. Noch nicht.

Aber mein Rücken, meine rechte Schulter und mein absolut unkonventioneller Lebenslauf sind Zeugen. Zeugen der Zeit mit meinen Kindern. Zeugen der Zeit für meine Kinder.

„Eigentlich hab ich vier Kinder“, sag ich ganz oft. Jona hat mich zu einer Mama gemacht. Doch Jona ist nicht mehr bei uns.

Hätte es Jona nie gegeben… Keine Ahnung wo ich da jetzt wäre, wer ich jetzt wäre.

Jona ist unser ältester Sohn. Söhne haben wir vier. Jona war gerade noch dreizehn geworden, dann starb er an den Folgen eines bösartigen Hirntumors.

Ich – ich liebe Musik, und ich liebe die Sprache. Ich empfinde eine Faszination für die menschliche Stimme. Ich liebe Lieder. Egal wie professionell ein Mensch sich anstellt – schreibt er ein Lied, kommt meistens doch mehr von ihm zum Vorschein, als er sich freiwillig zu offenbaren getraut hätte.

Lieder sind mir eigentlich das vertrauteste Ventil. Doch ich brauche, um ein Lied zu schreiben, ein Klavier.

Und als ich damals monatelang an Jonas Bett im Krankenhaus verbrachte, da schienen die Gedanken und Gefühle meinen Kopf und mein Herz zu sprengen. Und ich hab angefangen einfach so zu schreiben – ohne Klavier, ohne jeden Rhythmus, ohne jeden Reim. Einfach was so kam.

Und das simple Schreiben ist seither ein Teil von mir geworden. Immer wieder hab ich mir gesagt „Das war*s jetzt. Du hast ausgeschwätzt (wie der Schwabe so sagen würde)!“. Doch dann war da wieder etwas, von dem ich dachte, das kann ich nicht nur für mich behalten!

Denn das ist mein Leben, ob ich will oder nicht. Seitdem ich auf diesem ersten Ultraschallbild gesehen hab, wie da in mir ein kleiner Mensch heranwächst, seitdem bin ich Mama. Ob Jona bei mir ist oder nicht, ob ich gerade mit unseren anderen Kindern zusammen bin oder nicht, ob ich gerade an sie denke oder gedanklich wo völlig anders bin – ich bin Mama. Die Mama meiner Kinder. Und ich bin die Momente, die die ich mit ihnen lebe.

Meine Mamamomente.

Julia ist Jahrgang 1981. Sie ist eigentlich Übersetzerin – singt aber am liebsten… und besser als sie übersetzt. 2011 wurde bei ihrem ältesten Sohn Jona ein Hirntumor, genauer bezeichnet als Medulloblastom, festgestellt. Seit seinem ersten Rückfall schreibt sie ihre Gedanken in Form eines Blogs nieder. Sie singt auf Hochzeiten und überall sonst, wo man Lieder braucht. Doch am liebsten nimmt sie Menschen durch ihre eigenen Lieder mit – mit in ihre eigene Welt. Sie bäckt so ungern Kuchen, dass, wenn sie’s doch einfach mal tut, der Rest der Familie fragt, wer denn Geburtstag hat. Sie wünscht sich, sie könnte besser schwimmen, ist aber doch nicht ehrgeizig genug, weil sie sich eigentlich mit Boden unter den Füßen am wohlsten fühlt. Und es geht ihr wie so vielen Müttern auf dieser Welt: Sie ist einfach gern allein – und ist sie’s dann tatsächlich, fühlt sie sich doch, als würde ihr ein Bein fehlen. Mit ihrem Mann, Jonas drei Brüdern und dessen Hund Mia lebt sie in Ravensburg.