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„Alexa, spiel traurige Musik!“

„Alexa, spiel traurige Musik!“ befehle ich. Und denke bei mir, den Blick auf die kleine schwarze Dose gerichtet „Du hast das Fass aufgemacht… jetzt mal schauen, was du mir zu bieten hast.“ – Drei Sekunden später singt John Lennon „Yesterday, all my troubles seemed so far away…“ Recht hat er! Gute Wahl, Alexa.

Denn ich habe das Gefühl, etwas bricht – bricht hervor, bricht auf. Vielleicht zerbricht auch etwas. Ganz klar kann ich gerade nicht sehen. Ausgeliefert fühle ich mich. Irgendwie klein. Irgendwie mehr Zuschauer meines Lebens als Hauptaktrice. Sie waren wieder mal aufwühlend, die vergangenen Tage. Die Zerbrechlichkeit dieses, meines kleinen Lebens so greifbar nah. Und dieser kleine Lautsprecher hat mir gerade eben den Rest gegeben.

So  sitze ich hier und richte inmitten all dieser emotionalen Instabilität eine Alexa ein. Sie will mir zeigen, dass sie auch in der Lage ist, mich an Dinge zu erinnern, wenn ich sie darum bitte. „Sag, Alexa, erinnere mich daran, um 18 Uhr Mama anzurufen!“ befiehlt mir dieses Gerät. Ich stocke… Warum um alles in der Welt? Ist euch nichts Besseres, nichts Neutraleres eingefallen, euch Leuten aus Amazonien?! Wie wäre es gewesen mit einem „Alexa, erinnere mich daran um 20 Uhr die Tagesschau anzusehen!“ oder so? Denn es gibt vielleicht Leute, die haben keine Mama, die sie um 18 Uhr anrufen können, und die finden das unglaublich schwer, einfach mal so zu Erklärungszwecken einen solchen Satz zu sagen.

Immer wieder begegnen sie mir. Überall. Genau diese kleinen Situationen, die mich, wenn auch nur kurz, ins Stocken bringen. Die mich dann aber Stunden kosten, in denen ich mich wieder neu sammeln, neu sortieren, in die Spur bringen muss. Selten sind es die Situationen, in denen ich weiß, in welche Richtung ein Gespräch gehen wird, und anderen erkläre „Meine Mutter, die lebt nicht mehr.“ oder „Mein ältester Sohn ist vor dreieinhalb Jahren gestorben.“

Nein, es sind diese Situationen, in denen man unbedarft und komplett unvorbereitet dasteht und irgendwer oder auch irgendetwas Salz in die Luft wirft, welches genau in diese eine Wunde rieselt, die einfach permanent klafft. Es sind diese Situationen, in denen ich einen Schulterblick für überflüssig halte, weil ich mich sicher fühle, nur um dann hinterrücks überfallen zu werden.

Ich spreche hier bewusst in Bildern, damit man versteht… Denn das sind diese Momente, in denen ich zum Essen eingeladen werde und beschließe, an diesem einen Abend die Deckung fallen zu lassen; an genau diesem einen Abend, an dem dann aber mein Gastgeber meint, mir einen Schubs in die richtige Richtung geben zu müssen, weil sie der Meinung ist, ich solle „auch mal das Gute sehen“. Es sind diese Momente, in denen ich beschließe, alle Masken fallen zu lassen um mich jemandem zu öffnen, der dann aber meine Offenheit nur als Einladung sieht, seinen eigenen Seelenmüll bei mir abzuladen.  

Und es sind diese Momente, in denen dieses kleine, doch unfassbar intelligente elektronische Ding mich ohne Vorwarnung daran erinnert, dass ich keine Mama mehr habe, die ich anrufen kann. Das sind sie, diese Momente, in denen ich mich für einen Moment wie gelähmt fühle, mich aber doch wie jedes Mal wieder berappeln kann – aber eben doch nicht vergesse.

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Julia ist Jahrgang 1981. Sie ist eigentlich Übersetzerin – singt aber am liebsten… und besser als sie übersetzt. 2011 wurde bei ihrem ältesten Sohn Jona ein Hirntumor, genauer bezeichnet als Medulloblastom, festgestellt. Seit seinem ersten Rückfall schreibt sie ihre Gedanken in Form eines Blogs nieder. Sie singt auf Hochzeiten und überall sonst, wo man Lieder braucht. Doch am liebsten nimmt sie Menschen durch ihre eigenen Lieder mit – mit in ihre eigene Welt. Sie bäckt so ungern Kuchen, dass, wenn sie’s doch einfach mal tut, der Rest der Familie fragt, wer denn Geburtstag hat. Sie wünscht sich, sie könnte besser schwimmen, ist aber doch nicht ehrgeizig genug, weil sie sich eigentlich mit Boden unter den Füßen am wohlsten fühlt. Und es geht ihr wie so vielen Müttern auf dieser Welt: Sie ist einfach gern allein – und ist sie’s dann tatsächlich, fühlt sie sich doch, als würde ihr ein Bein fehlen. Mit ihrem Mann, Jonas drei Brüdern und dessen Hund Mia lebt sie in Ravensburg.