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Fast zu schnell groß

Last updated on 18. April 2021

„Mammaaa!“ Ich schrecke hoch. Es ist noch mitten in der Nacht. Wenn einer so schreit, dann weiß ich, er hat gerade ganz schlecht geträumt.

„Kann ich zu dir…“ – „Ja klar. Aber bring deine Decke und dein Kissen mit.“ Ich teile nicht so gern. Mag das nicht, wenn ich mir beim Schlafen dann am Ende die Decke fest unter meinen Arm klemmen muss, damit sie mir der andere nicht immer wieder wegzieht.

Er zittert am ganzen Leib. Erzählt mir, er habe lauter schreckliche Dinge geträumt. Sie seien allein gewesen. Einer sei gekommen und hätte mit einem Quad alle Häuser in der Siedlung platt gefahren und sie anschließend entführt. Und die Polizei hätten sie nicht anrufen können, denn ich hätte vorm Weggehen das „Internet abgestellt“. Ich muss schmunzeln. Dass das Thema Mama stellt das Internet ab, während wir weg sind sogar im Traum Thema ist…

Jetzt kuschelt er sich ganz fest ins Bett. Hält verkrampft meine Hand, sein Gesicht ganz nah an meinem. Ich spüre seinen Atem. Rieche ihn. Dieser Geruch aus dem Mund eines Kindes nach dem Schlaf beruhigt mich. Ist anders, angenehm anders als der eines Erwachsenen nach der Nacht.

Ich merke, wie ich diesen Moment genieße. Auch wenn er mir kostbaren Schlaf raubt. Weil sie sind zu selten geworden, diese Momente. Kaum mehr kommt einer nachts.

Und ich denke darüber nach, wie ich das oft mit wenig Gelassenheit genommen habe, als die Kinder noch klein waren. Schlafentzug ist auch nichts Angenehmes. Nichts, was man mit Leichtigkeit nimmt. Schon gar nicht, wenn auch der Tag pausenlos fremdbestimmt ist.

Ich merke, die Zeit wird anders. Sie brauchen mich nicht mehr pausenlos. Sagen „Tschüss, ich geh mal Basketballspielen“. Machen sich selbst was zu essen, wenn ich nicht da bin. Das macht vieles leichter und ist auch gut so. Ist, wie es eben sein soll.

Und doch bin ich dankbar für diese intensive Zeit der Nähe, als sie noch klein waren die Kinder. Denke mir, ich würde sie viel bewusster wahrnehmen, gelassener sein, sie mehr genießen, diese Zeit – würde ich sie nochmal erleben. Und wahrscheinlich, vielleicht auch doch nicht. Bin ich ja doch immer noch derselbe Mensch – leicht zu stressen, nicht fähig manches einfach auszublenden – auszublenden um einfach da zu sein. Im Moment zu sein.

Zu sein, wo ich gerade bin. In Gedanken an dem Ort, an dem mein Leben in diesem Augenblick stattfindet. Nicht woanders. Den Moment im Blick. Mit vollem Bewusstsein. Denn sie sind so schnell groß. Fast zu schnell. Und wer weiß, wie lange es uns vergönnt ist, einander zu haben?

Ich wünschte, ich hätte das früher besser gekonnt. Möchte, dass ich das besser kann. Da sein. Genießen. Ohne schlechtes Gewissen da sein. Zeit haben. Gerne da sein. Denn die Zeit kommt nicht mehr wieder. Und jeder Moment ist nur einmal da.

Erinnerungen sammeln und Zukunft gestalten. Spüren. Riechen. Sehen. Schmecken. Hören – was es heißt, Mama zu sein.

4 Kommentare

  1. Leslie Klitzke Leslie Klitzke

    Liebe Julia, du sprichst mir aus der Seele…!
    Und deine Worte, insbesondere im letzten Absatz, sind wunderschön.
    Danke, Leslie
    PS: melde mich bald…

    • Julia Boskovic Julia Boskovic

      Danke, liebe Leslie! Es gibt Texte, da arbeite ich richtig dran… Und dann gibt es die, da leert sich einfach nur mal kurz die Seele aus – der hier war einer von dieser Sorte 🙂
      <3

  2. Liebe Julia, auch mir sprichst du aus der Seele. Ich wünschte auch, dass ich vieles besser könnte, insbesondere die Sache mit der Geduld. Manchmal sitze ich da und bin traurig, weil ich immer noch nicht Rapunzel oder andere Märchen frei erzählen kann und dabei hatte ich mich doch so darauf gefreut mit ihnen Geschichten rauf und runter zu lesen. Der Alltag ist dann doch zu oft von anderen scheinbaren Wichtigkeiten bestimmt. Eine feste Umarmung für Dich, Steffi

    • Julia Boskovic Julia Boskovic

      … und viele Wichtigkeiten sind ja auch unumgänglich. Oft geht es ja auch bei vielen Menschen um die Existenz. Doch ich bin wirklich überzeugt, dass es so wichtig ist, dass ich immer mal wieder „zu mir komme“ und merke, dass es das nicht wert ist, mir durch meinen inneren Stress den Moment zu verderben. Denn das hat noch nicht mal viel mit Zeit zu tun, sondern einfach nur mit einer minimalen Anpassung der inneren Einstellung 😉
      Ich denk viel an euch <3

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Julia ist Jahrgang 1981. Sie ist eigentlich Übersetzerin – singt aber am liebsten… und besser als sie übersetzt. 2011 wurde bei ihrem ältesten Sohn Jona ein Hirntumor, genauer bezeichnet als Medulloblastom, festgestellt. Seit seinem ersten Rückfall schreibt sie ihre Gedanken in Form eines Blogs nieder. Sie singt auf Hochzeiten und überall sonst, wo man Lieder braucht. Doch am liebsten nimmt sie Menschen durch ihre eigenen Lieder mit – mit in ihre eigene Welt. Sie bäckt so ungern Kuchen, dass, wenn sie’s doch einfach mal tut, der Rest der Familie fragt, wer denn Geburtstag hat. Sie wünscht sich, sie könnte besser schwimmen, ist aber doch nicht ehrgeizig genug, weil sie sich eigentlich mit Boden unter den Füßen am wohlsten fühlt. Und es geht ihr wie so vielen Müttern auf dieser Welt: Sie ist einfach gern allein – und ist sie’s dann tatsächlich, fühlt sie sich doch, als würde ihr ein Bein fehlen. Mit ihrem Mann, Jonas drei Brüdern und dessen Hund Mia lebt sie in Ravensburg.