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Wenn Äste und Steine im Weg liegen

Der Pfad, den ich normalerweise nehme, um mit dem Hund die übliche Waldrunde zu drehen, ist nicht mehr begehbar. Der schwere, nasse Schnee und der darauf folgende Frost haben wieder einige Äste und Bäume zu Boden gehen lassen.

Die ersten Tage habe ich einen Umweg genommen. Die nächsten Male habe ich mich irgendwie daneben durchgewurstelt. Und ich muss gestehen, erst heute, der Schnee ist schon fast wieder komplett verschwunden, kam mir in den Sinn, ich könnte ja mal versuchen die Äste beiseite zu räumen. Es sind viele, viele kleine und ein wirklich großer – den ich tatsächlich nicht alleine schaffe.

Und wie ich so Äste zur Seite ziehe, überlege ich, warum ich eigentlich weniger ein „Aus-dem-Weg-Räumer“ als ein „Neue-Wege-Finder“ bin. Eine Sache, die sicher nicht nur damit zu tun hat, dass ich für den einen Ast definitiv Werkzeug brauche, damit der Weg frei wird.

Wahrscheinlich ist es auch so, dass ich eher ein „Neue-Wege-Finder“ bin, weil meine Person es interessanter findet, sich durchs Dickicht zu kämpfen, als Äste zu schleppen. Weil mein Wesen es liebt, im Rückblick zu sehen, dass ein Durchkommen war – auch ohne Weg. Und dass tatsächlich ein neuer Weg entstehen kann, wenn wer beschließt, dass da eine neuer Weg sein soll.

Ich bin ein „Neue-Wege-Finder“, weil mir das Improvisieren besser liegt, als mich in eine Struktur einzufügen. Ich improvisiere lieber, als mich dann nachher in einem gesteckten Rahmen vorwärts zu kämpfen. Eine Tatsache, die sowohl Vor- als auch viele Nachteile hat.

Und ich bin ein „Neue-Wege-Finder“, weil ich gerne schnell vorankommen möchte. Wahrscheinlich weil ich nicht der geduldigste Mensch bin, den die Erde je gesehen hat. Schnell vorankommen – dann, wenn ich weiß, wohin ich will. Wenn ich mein Ziel kenne, halte ich mich ungern mit Unrat auf, der meine geplante Route versperrt. Lieber klettere ich drüber, mache einen riesen Bogen, als dass ich mir eine Säge hole und mich womöglich für meine Begriffe verhältnismäßig lange beschäftige mit dem, was mich aufhält.

Was ich aber bezeugen kann: Dass man auch Gefahr läuft öfter hängen zu bleiben, zu stolpern und auszurutschen – dann, wenn man lieber, den Blick nach vorne gerichtet, schnellen Schrittes querwaldein geht.

Unter den Menschen, die um mich sind, sind aber auch viele „Aus-dem-Weg-Räumer“. Diese Erkenntnis erleichtert mich. Die Erkenntnis, dass ich umgeben bin von Menschen, die das Leben doch ein wenig anders angehen, als ich es tue. Menschen, die etwas geduldiger und zäher sind, als ich es bin.

Ich finde es wichtig, sich selbst einzugestehen, wie man funktioniert. Denn jeder ist anders und bringt etwas anderes mit – und hat von daher auch andere Bedürfnisse und andere Lösungsansätze.

Und gerade dann, wenn das Leben Äste und Steine in den Weg legt, dann kann es mehr als hilfreich sein, wenn ich selbst weiß, mir selbst darüber im Klaren bin, was meine bestmögliche Strategie ist, mit genau all dem klarzukommen, was mich zwingt, Zwangspausen einzulegen, was mich aus der Bahn wirft und mich dazu bringt, den Plan zu ändern.

Vielleicht ist das auch der volle Quatsch, denkst du, dieses Gefasel mit „Neue-Wege-Finder“ und „Aus-dem-Weg-Räumer“. Vielleicht ist es das… Und doch unterstreicht es meine aus den Erfahrungen und Erkenntnissen der letzten Jahre gewonnene Überzeugung, dass es gut und wichtig ist, dass der Mensch sein kann, wer und wie er ist. Nicht nur um einfach zu sein. Sondern um klarzukommen, um zu (über-)leben – nicht nur für sich selbst, sondern auch für die, die um ihn sind, ihn brauchen und auf ihn zählen.

Ein Kommentar

  1. Barbara Seefelder Barbara Seefelder

    Liebe Julia, spontan zu deinem Beitrag hier fiel mir eine indianische Weisheit ein, die ich heute gelesen habe.

    Belästige niemanden wegen seiner Religion. Respektiere den Standpunkt des anderen und verlange, dass man auch deinen respektiert.

    „Religion“ könnte mit allen anderen Begriffen ersetzt werden….

    Liebe Grüße, Barbara

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Julia ist Jahrgang 1981. Sie ist eigentlich Übersetzerin – singt aber am liebsten… und besser als sie übersetzt. 2011 wurde bei ihrem ältesten Sohn Jona ein Hirntumor, genauer bezeichnet als Medulloblastom, festgestellt. Seit seinem ersten Rückfall schreibt sie ihre Gedanken in Form eines Blogs nieder. Sie singt auf Hochzeiten und überall sonst, wo man Lieder braucht. Doch am liebsten nimmt sie Menschen durch ihre eigenen Lieder mit – mit in ihre eigene Welt. Sie bäckt so ungern Kuchen, dass, wenn sie’s doch einfach mal tut, der Rest der Familie fragt, wer denn Geburtstag hat. Sie wünscht sich, sie könnte besser schwimmen, ist aber doch nicht ehrgeizig genug, weil sie sich eigentlich mit Boden unter den Füßen am wohlsten fühlt. Und es geht ihr wie so vielen Müttern auf dieser Welt: Sie ist einfach gern allein – und ist sie’s dann tatsächlich, fühlt sie sich doch, als würde ihr ein Bein fehlen. Mit ihrem Mann, Jonas drei Brüdern und dessen Hund Mia lebt sie in Ravensburg.