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Die Hoffnung stirbt nie

Sie kam nach Deutschland um zu arbeiten. Erfüllen wollte sie sich damit den Traum eines etwas besseren Lebensstandards und einer gewissen Sicherheit – sollte sie dann, all ihr Erspartes in der Tasche, recht bald zurückkehren. Zurück in das Land, mit dessen Kultur sie vertraut war. Das Land, dessen Leute die Sprache sprachen, in der sie fühlte und träumte.

Stattdessen blieb sie und schuftete – oft bis fast zum Umfallen. Sie buckelte und verzichtete bis ihre Jahre voll waren. Sie zog Kinder groß, die nun in einer anderen Sprache als der Ihren träumen. Kinder, für die dieses Land Zuhause wurde, das für sie eigentlich nur eine Übergangslösung hätte sein sollen.

Nun war sie zwangsläufig zwischen den Stühlen, zwischen den Ländern, zwischen den Kulturen. Und als sie dann, weil die Rente zu klein war für Deutschland, zurückging in ihr vom Mund abgespartes Eigenheim, war sie auch da nicht mehr ganz „eine von ihnen“. Hatten ihr doch Jahre gefehlt in diesem Land, in dem sie geboren war und in dessen Sprache sie verfiel, wenn die Gefühle mit ihr durchgingen.

Das Leben, das ihr passiert ist, hat Spuren hinterlassen. Spuren, die sie zu dem Menschen gemacht haben, der sie heute ist. Sie lebt. Sie kommt klar. Auch damit, dass vieles nicht nach Plan verlief. Damit, dass sie nun alleine ist und sie zwei ihrer sechs Enkel an Krebs verloren hat. 

Wenn wir mit ihr über Ziele reden, über etwas, das wir vorhaben, sagt sie immer „Langsam… Stück um Stück“. Ja, so geht meine Schwiegermutter an Dinge, die verlangen, dass man die Zähne zusammenbeißt, dass man durchhält. Das ist ihr Rezept, ihre Lebensphilosophie – „Stück für Stück“. Immer nur der nächste Schritt. Immer ein Fuß vor den anderen.

„Wie soll ein Mensch das ertragen?“ Diese Zeile aus Philipp Poisels Lied ist vollkommen aus dem Zusammenhang, und trotzdem kommt sie mir immer in einem Kontext derart. Eine Zeile, die mir in letzter Zeit wieder sehr oft durch den Kopf geht. Eine Zeile mit einer Frage, die ich mir nie gestellt habe, zu der Zeit, als ich dachte „Jetzt dreh ich gleich durch… Wie soll das nur weitergehen?“. Zu der Zeit, als ich mit Jona mehr Zeit im Krankenhaus war als daheim. Zu der Zeit, als wir keinen Plan hatten, wie dieses Kind einen Platz finden soll in dieser Welt. Zu der Zeit, als wir wussten, die Tage sind gezählt, bald wird er sterben.

Damals habe ich mich nie gefragt, wie ich die Dinge ertragen soll. Habe nie gefragt: „Wie soll ein Mensch das ertragen?“ Und ich glaube, so muss es oft auch meiner Schwiegermutter gegangen sein. Denn da war nie eine Frage, sondern immer nur eine Aufforderung: Einfach nur durch. Einfach nur weiter. Durchhalten. Weitergehen. Schritt für Schritt. Stück für Stück. Automatismus siegt über Machtlosigkeit.

Vergangene Woche wurde ich mitten in meinem Arbeitsalltag gebeten, Stühle in einen Raum zu bringen. Und plötzlich fand ich mich fünfundzwanzig ukrainischen Frauen gegenüber, die gekommen waren um Deutsch zu lernen. Erst auf dem Nachhauseweg lief es mir kalt den Rücken runter… Vor ein paar Wochen war ihr Leben noch genau wie meins: Aufstehen, Frühstück, Kinder zur Schule, Arbeit, Essen, Wäsche, Dreck, Kaffee, Einkaufen, Freunde, Wochenende, Termine… Und jetzt: Nicht weiter als der nächste Schritt. Stück für Stück.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier – und unglaublich widerstandsfähig. Wer weiß, was bleibt? Wer weiß, was kommt? Und doch, immer weitergehen. Nicht stehenbleiben. Nicht aufgeben. Hoffen und bangen. Aber immer hoffen. Denn die Hoffnung stirbt nicht zuletzt – sondern die Hoffnung stirbt nie.

Bildquelle: https://www.canva.com/

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Julia ist Jahrgang 1981. Sie ist eigentlich Übersetzerin – singt aber am liebsten… und besser als sie übersetzt. 2011 wurde bei ihrem ältesten Sohn Jona ein Hirntumor, genauer bezeichnet als Medulloblastom, festgestellt. Seit seinem ersten Rückfall schreibt sie ihre Gedanken in Form eines Blogs nieder. Sie singt auf Hochzeiten und überall sonst, wo man Lieder braucht. Doch am liebsten nimmt sie Menschen durch ihre eigenen Lieder mit – mit in ihre eigene Welt. Sie bäckt so ungern Kuchen, dass, wenn sie’s doch einfach mal tut, der Rest der Familie fragt, wer denn Geburtstag hat. Sie wünscht sich, sie könnte besser schwimmen, ist aber doch nicht ehrgeizig genug, weil sie sich eigentlich mit Boden unter den Füßen am wohlsten fühlt. Und es geht ihr wie so vielen Müttern auf dieser Welt: Sie ist einfach gern allein – und ist sie’s dann tatsächlich, fühlt sie sich doch, als würde ihr ein Bein fehlen. Mit ihrem Mann, Jonas drei Brüdern und dessen Hund Mia lebt sie in Ravensburg.