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Perspektiven

Last updated on 6. Oktober 2021

Ich sitze hier bei geöffnetem Fenster. Die kühle Luft tut gut. Wie laut die Grillen zirpen. In der Ferne hupt ein Zug. Die Kinder sind leiser geworden. Sie schlafen heute auf dem Balkon. Einer hustet. Sie reden immer noch. Es ist schon wieder bald ein Uhr nachts. Es ist so heiß tagsüber. Die Nacht wird zum Tag. Außerdem ist auch nichts los. Was haben sie zu tun außer schlafen, essen und trinken und tun, worauf sie Lust und Laune haben? Es sind Ferien. Wir haben Urlaub.

Ganz im Urlaubsmodus bin ich aber noch nicht. Werde ich je in einen solchen umschalten können in diesem Sommer? Keine Ahnung. Da ist viel. Zu viel. Vor allem in meinem Kopf. Ich mag es, wenn da Dinge sind, die ich tun kann. Wenn da Ziele sind, auf die ich hinlebe, hinarbeite. Wenn ich spüre, dass ich am Leben bin. Sehen kann, warum ich am Leben bin.

Perspektiven. Für mich immer wieder überlebenswichtig. Und wenn auch nur die kleinste Sache zur Aufgabe, zum Ziel, zur Perspektive wird. In dem Land, in dem ich mich gerade aufhalte… da habe ich den Eindruck, da sind viele junge Menschen, denen es an Perspektive fehlt. In Folge dessen drehen sie sich um sich selbst. Woraus ein kranker Blick auf sich selbst, ein ungesundes Leben resultieren.

Perspektiven suchen, finden, haben. Ich denke, sagen zu können, dass das der Hauptgrund ist, warum ich noch stehe, weitergehe, lebe. Weil mir immer wieder eine Perspektive geschenkt wird. Ja, ich sehe das tatsächlich als ein Geschenk. Denn die Perspektiven kommen einfach. Sie ergeben sich. Natürlich liegt es an mir darauf einzugehen. Aber sie sind mir geschenkt.

Echte Perspektiven. Etwas, das anhält. Etwas, das keiner mehr so schnell nehmen kann. Liebevolle Momente zwischen Menschen, berührte Herzen, ehrliche Worte, tiefe Gespräche. Echte Perspektiven sind zeitlos. Unauslöschlich. Unzerstörbar – egal, was nachher kommt. Unabhängig – egal wie die Perspektive zustande kam, sei es ein guter oder schlechter Umstand.

Und ich erinnere mich an die Gedanken, die ich mir aufgeschrieben habe an diesem einen Abend, ein paar Wochen zuvor. Noch kurz bevor wir weggefahren sind von zu Hause:

„Wir liegen vor der Leinwand. Da liegen wir auf dem Sofa… Irgendwann gebe ich dann doch auf, schlafe ein. Und gegen drei Uhr nachts wache ich auf und krieche langsam zwei Stockwerke höher in mein Bett. Unser Großer, der noch saß, als ich Gute Nacht gesagt hab, hat die Übertragung der Olympischen Spiele schon längst ausgeschaltet und ist schlafen gegangen.

Am Morgen erzählt er mir, dass er auch erst gegen zwei nach oben ist, eigentlich schon früher ins Bett wollte, sich aber nicht mehr loslösen konnte vom Bildschirm… Leichtathletik war zu spannend, und er musste immer weiter schauen vom Sprint zum Diskus, zum Hochsprung – und so weiter.

Heute fasziniert mich der Hürdenlauf – wie das so entweder oder ist. Wie Athleten entweder ihren Rhythmus finden und ihr Ziel erreichen, oder wie sie, einmal aus dem Takt gekommen, raus sind. Wie sie nicht nur einfach als letzter ins Ziel kommen – sondern wie sie einfach gar nicht ins Ziel kommen. Wie Sieg und Niederlage oft Millimeter und Millisekunden auseinander liegen.

„And it’s not what I asked for, Sometimes life just slips in through a back door, And carves out a person, And makes you believe it’s all true…“ hab ich vorgestern Abend nur so zur Unterhaltung der Gesellschaft gesungen. Aber auf dem Nachhauseweg spreche ich mit meiner Freundin, die mich begleitet hat, genau darüber… Über Hürden. Über Hindernisse. Über Hintertüren. Über Ungeplantes. Über Ungebetenes. Über das, was all das dann aus einem Menschen macht. Über das, was Zeilen wie diese aus dem Musical Waitress genau auf den Punkt bringen „Niemals drum gebeten, Wie ein Dieb kommt manchmal das Leben, Endprodukt dann ein Mensch, Und du glaubst, genau das bist du…“ Diese Hürden. Diese Hintertüren – über die dann das Leben kommt. Denn der Vater meiner Freundin hält sie in Atem, ihr Herz auf Trab. Was all das aus uns macht? Diese Hürden. Diese Tiefschläge. Diese Traumata.

Es hängt von uns ab. Und von dem Netz, das um uns ist. Davon, wie wir auf all das reagieren, was uns im Leben begegnet. Davon, wie gut gefüllt der Pool ist, aus dem wir zehren können. Es hängt ab von dem, der uns auffängt, und wie derjenige uns auffängt. Von dem, der uns begleitet. Von dem, der mit uns geht. Von den Perspektiven, die uns geschenkt werden, und davon, ob und wie wir sie uns zu Nutzen machen.“

Und so kommt am Ende wieder alles zusammen – Meine willkürlichen Lektionen aus olympischen Leichtathletikwettkämpfen. Meine Gedanken über ein gesungenes Lied, dessen Textpassage mir seit Wochen nicht mehr aus dem Kopf gehen mag, auch wenn der Text an sich eine komplett andere Geschichte erzählt. Meine Eindrücke aus dem Urlaub Wochen später.

Und was bleibt? Heruntergebrochen? Was bleibt, ist diese eine Frage, diese Frage der Perspektive, der Aussicht, der Hoffnung – Welche meine ist. Welche deine ist. Ob du überhaupt eine hast. Ob du eine suchst. Ob du dich auf diese eine versteift hast, die vielleicht nie kommen wird. Oder ob du dir eine Perspektive schenken lassen willst, die passt – Für dich. Für jetzt. Für den Moment. Für deine Situation. Für dich allein.

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Julia ist Jahrgang 1981. Sie ist eigentlich Übersetzerin – singt aber am liebsten… und besser als sie übersetzt. 2011 wurde bei ihrem ältesten Sohn Jona ein Hirntumor, genauer bezeichnet als Medulloblastom, festgestellt. Seit seinem ersten Rückfall schreibt sie ihre Gedanken in Form eines Blogs nieder. Sie singt auf Hochzeiten und überall sonst, wo man Lieder braucht. Doch am liebsten nimmt sie Menschen durch ihre eigenen Lieder mit – mit in ihre eigene Welt. Sie bäckt so ungern Kuchen, dass, wenn sie’s doch einfach mal tut, der Rest der Familie fragt, wer denn Geburtstag hat. Sie wünscht sich, sie könnte besser schwimmen, ist aber doch nicht ehrgeizig genug, weil sie sich eigentlich mit Boden unter den Füßen am wohlsten fühlt. Und es geht ihr wie so vielen Müttern auf dieser Welt: Sie ist einfach gern allein – und ist sie’s dann tatsächlich, fühlt sie sich doch, als würde ihr ein Bein fehlen. Mit ihrem Mann, Jonas drei Brüdern und dessen Hund Mia lebt sie in Ravensburg.