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Bei sich tragen

Auf dem Weg über den Parkplatz komme ich nochmal am Auto meiner Freundin vorbei. Wenn es der Alltag zulässt, treffen wir uns alle paar Monate mal in einer Stadt, die in der Mitte unserer beiden Wohnorte liegt. Seit unserem letzten Treffen ist dieses Mal ein Jahr vergangen, stellen wir fest. Mittlerweile hat sie noch ein Kind mehr, und ich hab immer noch denselben Stress wie vor einem Jahr.

Ich muss früher los, noch ein Geschenk für den Kindergeburtstag kaufen. Sie bleibt noch eine Weile im Tiergarten. Zum Auto laufend werfe ich einen Blick auf das Kennzeichen ihres neuen VW-Busses. Es endet auf TM-5116. Ich halte kurz inne, lächle in mich rein, obwohl mir gleich darauf schwer ums Herz wird.

… – TM-5116 – Ein Autokennzeichen, zu dem sich wahrscheinlich kaum einer eine Geschichte ausdenken wird. Es ist ja kein Mercedes E-Klasse mit Kennzeichen M-HM-947, gesteuert von einem Mann mit Hut, was einen sofort dazu verleitet, anzunehmen, der Herr heißt Hans Meier, geboren im September 1947, wohnhaft in München.

Auch wenn es keiner vermutet, dass die Endung des Nummernschildes meiner Freundin doch mehr ist als nur eine Kombination aus Buchstaben und Zahlen und mehr als nur eine Strategie, sich das Kennzeichen so einfach wie möglich merken zu können – ich bin mir dessen sicher.

Denn – Thea Marie, geboren am 5.1.16, durfte ich noch kennenlernen. Bald darauf hat sie nach viel Hoffen und Bangen ihre Augen wieder geschlossen. TM-5116 – die große Schwester der beiden Söhne meiner Freundin. Die große Schwester, die sie nie kennenlernen werden. Die große Schwester, die die Erde schon wieder verlassen hatte, bevor überhaupt einer ihrer Brüder einen Fuß auf diese setzen durfte.

Doch Thea Marie fährt mit. Sie geht mit. Sie ist dabei, immer irgendwie. Auch wenn sie nur kurz da war. Sie hat Spuren hinterlassen, und sie hat geprägt. Sie hat verändert. Menschen verändert und Leben verändert.

Auch wenn ihr Herz aufgehört hat zu schlagen, so einfach kann man sie nicht lassen. So einfach darf man sie auch nicht lassen. Weil sie immer noch fehlt. Weil sie nicht mehr da ist, wo sie eigentlich hingehört. Weil sie immer noch im Herzen ist und weil sie immer noch dazugehört – auch wenn sie keiner mehr sehen und greifen kann.

Darum ist es wichtig und tut den meisten gut, Menschen wie Thea Marie einfach noch weiter bei sich zu tragen. In welcher Form auch immer. Ob auf dem Oberarm oder im Geldbeutel. Ob in Form eines Autokennzeichens oder eines Kuscheltiers oder Kleidungsstücks. Egal. Hauptsache, man trägt sie bei sich.

Einfach, damit sie nicht verschwinden aus dem Leben – aus dem Hier und Jetzt. Damit man sie immer wieder irgendwo sieht. Damit man immer wieder irgendwie an sie denkt. Damit erkennbar wird, wie viel sie bedeutet haben – und immer noch bedeuten.

Damit man all das, was man in sich trägt, doch ein bisschen nach außen tragen kann. Wenn auch nur ein bisschen.

Weil man ohnehin immer bei sich trägt – bei sich trägt, wen man liebt.

Fuß und Foto: Sandra <3

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Julia ist Jahrgang 1981. Sie ist eigentlich Übersetzerin – singt aber am liebsten… und besser als sie übersetzt. 2011 wurde bei ihrem ältesten Sohn Jona ein Hirntumor, genauer bezeichnet als Medulloblastom, festgestellt. Seit seinem ersten Rückfall schreibt sie ihre Gedanken in Form eines Blogs nieder. Sie singt auf Hochzeiten und überall sonst, wo man Lieder braucht. Doch am liebsten nimmt sie Menschen durch ihre eigenen Lieder mit – mit in ihre eigene Welt. Sie bäckt so ungern Kuchen, dass, wenn sie’s doch einfach mal tut, der Rest der Familie fragt, wer denn Geburtstag hat. Sie wünscht sich, sie könnte besser schwimmen, ist aber doch nicht ehrgeizig genug, weil sie sich eigentlich mit Boden unter den Füßen am wohlsten fühlt. Und es geht ihr wie so vielen Müttern auf dieser Welt: Sie ist einfach gern allein – und ist sie’s dann tatsächlich, fühlt sie sich doch, als würde ihr ein Bein fehlen. Mit ihrem Mann, Jonas drei Brüdern und dessen Hund Mia lebt sie in Ravensburg.