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Etwas bleibt

Da freue ich mich über eine Kerze auf Jonas Grab. Einer hat an ihn gedacht. Wie sich das anfühlt, kann so wirklich wahrscheinlich nur begreifen, wer selbst ein Kind verloren hat.

Was für ein schönes Gefühl das ist. Wie sehr das tröstet. Wie gut das tut, wenn ich als Mama sehen darf: Er ist noch nicht vergessen. Da geht jemand extra und bringt eine Kerze mit. Da pflückt einer Blumen – nur für ihn. Oder irgendwer geht und kauft einen Regenbogen.

Man mag es vielleicht nicht meinen, aber solche Gesten bedeuten mir die Welt. Und ich bemerke sie – alle. Und sie sind so wertvoll. So unglaublich wertvoll. Wertvoller als viele Worte.

Vor allem an Tagen, an denen ich die volle Gießkanne zum Grab schleppe und mich mal wieder ernsthaft frage „Was bleibt? Was bleibt eigentlich außer einem Haufen Erde?“

Was bleibt außer dem Loch im Herzen und dem dumpfen Schmerz in der Brust? Schmerzen wegen denen ich manchmal nicht mal das Grab besuchen möchte, weil ich sie nicht spüren möchte, keine Zeit dafür habe, keine Kraft. Was bleibt außer den Erinnerungen, die mir nur immer wieder Tränen in die Augen treiben? Erinnerungen, die so wertvoll sind, und von denen doch keine einzige Jona zurückbringen kann – zurück zu mir.

Doch dann sehe ich die Kerze. Und kurz drauf entdecke ich die Erdbeeren, die sich am Rand des Grabes selbst gepflanzt haben. Etwas in mir wird wieder ein bisschen heller und wärmer, bunter. Und ich weiß, Jona hätte sich so gefreut an alledem. Schon als kleiner Junge, bevor er krank wurde, ist er gerne über den Friedhof geschlendert, hat die Blumen betrachtet und die Details der Gräber bewundert.

Und so steh ich da, bleib kurz „bei Jona“. Halte den Moment fest, die Kleinigkeiten. Und ich teil meine Gedanken mit Jona, schreib sie in mein Handy und bin sicher, er liest mit „Da ist mehr. So viel mehr“, schreibe ich, „so viel mehr, was bleibt, mein Herzstück. Ich seh so vieles noch nicht. Ich versteh so vieles noch nicht. Doch du, du siehst das schon. Etwas bleibt. Immer. Du siehst, was bleibt.“

2 Kommentare

  1. Leslie Klitzke Leslie Klitzke

    Ja! Etwas bleibt – (nicht nur, aber auch) in denen, die Jona gekannt haben. Und etwas wird – in denen, die ihn durch dich hier „kennenlernen“ dürfen!
    Danke dafür an euch beide!
    Liebe Grüße, Leslie

    • Julia Boskovic Julia Boskovic

      Danke dir, liebe Leslie! <3

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Julia ist Jahrgang 1981. Sie ist eigentlich Übersetzerin – singt aber am liebsten… und besser als sie übersetzt. 2011 wurde bei ihrem ältesten Sohn Jona ein Hirntumor, genauer bezeichnet als Medulloblastom, festgestellt. Seit seinem ersten Rückfall schreibt sie ihre Gedanken in Form eines Blogs nieder. Sie singt auf Hochzeiten und überall sonst, wo man Lieder braucht. Doch am liebsten nimmt sie Menschen durch ihre eigenen Lieder mit – mit in ihre eigene Welt. Sie bäckt so ungern Kuchen, dass, wenn sie’s doch einfach mal tut, der Rest der Familie fragt, wer denn Geburtstag hat. Sie wünscht sich, sie könnte besser schwimmen, ist aber doch nicht ehrgeizig genug, weil sie sich eigentlich mit Boden unter den Füßen am wohlsten fühlt. Und es geht ihr wie so vielen Müttern auf dieser Welt: Sie ist einfach gern allein – und ist sie’s dann tatsächlich, fühlt sie sich doch, als würde ihr ein Bein fehlen. Mit ihrem Mann, Jonas drei Brüdern und dessen Hund Mia lebt sie in Ravensburg.