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Ich würd alles aufgeben…

„Ich würd alles aufgeben – nur für des…“ – nur damit die Dinge wieder so sind, wie sie mal waren.

Er ist ein bisschen angeschlagen, unser kleinster Knopf. Zu oft ohne Jacke aus dem Haus. Zu lang gelesen abends. Zu wenig Schlaf. Zu viel irgendwie überhaupt gerade. Sogar für mich. Ich bin’s nicht mehr gewohnt. Wir sind es alle irgendwie nicht mehr gewohnt. Plötzlich ist man dauernd wieder unterwegs. Keiner braucht mehr Moodle und Webex. Nur ein paar, die keine Lust mehr auf Reisen und anständige Hosen haben, sind froh, dass da noch irgendwie Corona ist, das man vorschieben und dann ja doch einiges per Zoom abhalten kann.

Alles läuft wieder. Und er ist müde, der Spatz. Meint, ihm sei so kalt. Ich merke, wie ich selber runterfahren will, zur Ruhe kommen für heute. Ich lasse ihm Badewasser ein. Zum Glück finde ich noch irgendwo in der Schublade einen sogenannten Bade-Vulkan. Draußen geht langsam die Sonne unter. Ich stelle ihm ein blaues Licht ins Bad und mache ein Hörspiel an. „Benjamin Blümchen auf dem Mond“. So doof die Geschichte auch irgendwie ist, er entspannt.

Das Kind, das sich fast nie Zeit nimmt für ein Hörspiel, erfährt dann, während wir aufgewärmtes Essen von gestern essen, auch schließlich, warum die „Frau Professor“ auf dem Mond ein Haus hat, in dem ein Feuer knistert und es nach Kuchen duftet – Ihre „Mondhunde“ können nämlich zaubern.

Und weil wir so früh dran sind, setzen wir uns danach aufs Sofa für einen Film. Er will „Schumacher“ anschauen. Ich bin absolut kein Fan von Motorsport. Aber – ich höre unglaublich gerne Geschichten von Menschen. Geschichten, die das Leben schreibt. Von Menschen, die, egal wer sie sind, am Ende einfach Menschen sind. Aus Fleisch und Blut. Mit einem Herzen. Mit einem Leben. Einem Leben, das bewegt.

Und genau so ist es. Ich bin berührt. Ein paar Mal kommen mir fast die Tränen. Und als Michael Schumachers Sohn, selbst den Tränen nahe, meint, er würde „alles aufgeben“ nur um diesen Vater zu haben, mit dem er über Motorsport quatschen könnte, da könnten bei mir alle Dämme brechen und ich könnte in Tränen ausbrechen. Ich reiße mich gerade noch so zusammen.

Nur ein einziger Satz. Aber dieser ist die Zusammenfassung aller Gefühle. Gefühle der Menschen, für die nichts mehr ist, wie es mal war. Die Gefühle der Menschen, die jeden Tag mit dem konfrontiert werden, was sie verloren haben. Denn sie haben nicht etwas verloren, wie man einen Schlüssel verliert und dann einen neuen nachmachen lässt. Nein, dieser Verlust ist so gravierend, er zieht sich durch. Solch einen Verlust spürt man, er verfolgt einen – tagein, tagaus.

Dieser eine Satz ist die Zusammenfassung der Gefühle der Menschen, die alles geben würden – alles, nur damit die Dinge wieder so sind, wie sie mal waren. „Ich würd alles aufgeben…“ In diesem Satz ist Traurigkeit, da ist Wut, Wehmut. Da ist Enttäuschung, Desillusion und Schmerz. Da sind so viele Gefühle.

Diese Gefühle kann man einordnen lernen. Man kann lernen, sie zu kontrollieren. Man kann lernen sie umzuwandeln. Man kann lernen, sie aus einer anderen Perspektive zu sehen. Man kann sie in den Hintergrund rücken. Aber man kann sie nicht loswerden. Denn sie sind Teil dessen, was war und Teil dessen, wer man jetzt ist. Und diese Gefühle komplett aufzulösen, würde bedeuten, nicht mehr die oder der zu sein, wer man ist.

Und deswegen gibt es auch keine Lösung hier und auch keinen wirklichen Trost. Da ist nur diese eine Option: Weitergehen und Weitertragen.

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Julia ist Jahrgang 1981. Sie ist eigentlich Übersetzerin – singt aber am liebsten… und besser als sie übersetzt. 2011 wurde bei ihrem ältesten Sohn Jona ein Hirntumor, genauer bezeichnet als Medulloblastom, festgestellt. Seit seinem ersten Rückfall schreibt sie ihre Gedanken in Form eines Blogs nieder. Sie singt auf Hochzeiten und überall sonst, wo man Lieder braucht. Doch am liebsten nimmt sie Menschen durch ihre eigenen Lieder mit – mit in ihre eigene Welt. Sie bäckt so ungern Kuchen, dass, wenn sie’s doch einfach mal tut, der Rest der Familie fragt, wer denn Geburtstag hat. Sie wünscht sich, sie könnte besser schwimmen, ist aber doch nicht ehrgeizig genug, weil sie sich eigentlich mit Boden unter den Füßen am wohlsten fühlt. Und es geht ihr wie so vielen Müttern auf dieser Welt: Sie ist einfach gern allein – und ist sie’s dann tatsächlich, fühlt sie sich doch, als würde ihr ein Bein fehlen. Mit ihrem Mann, Jonas drei Brüdern und dessen Hund Mia lebt sie in Ravensburg.