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Un-Klartext

Diese Türe existiert mittlerweile nicht mehr in unserem Haus. Geknallt werden auch die Neuen. Bemalt und beklebt noch nicht. Ihr denkt euch jetzt wohl: Was? Die haben ihre Kinder die Türen so besudeln lassen?! – Wozu ich nur sagen möchte: Nein. Eigentlich nicht. Aber Kinder merken schnell, wie viel einem was bedeutet, und ob man vermittelt, dass etwas sowieso irgendwann ausgetauscht wird. – Abgesehen davon wollte ich damals in diesem Beitrag auf Instagram die Gedanken hinter diesem Gekritzel mit euch teilen…

Das hat mich damals sehr beschäftigt, denn das Komma hinter dem „Ich schlafe“ wurde erst kurz vor der Aufnahme des Fotos nachträglich eingefügt, nachdem ich den Bewohner des Zimmers darauf hinweisen musste, dass man den Satz „Ich schlafe nicht stören.“ nehmen kann, wie man will, und ich sei dafür, er solle doch ein Komma hinter das „nicht“ setzen. „Oh!“ Meinte er nur und nahm schnell den Stift, um aus einer Aussage, die alles heißen kann, eine klare Ansage zu machen.

Und grundsätzlich geht es mir manchmal immer noch genauso. Als ich den Beitrag in seiner Originalfassung auf Instagram veröffentlicht hatte, ging es mir noch viel öfter so. – Man sagt etwas, ist sich aber noch nicht ganz im Klaren, was man ganz genau will. So formuliert man ohne klare Betonung; und nachher ist man enttäuscht, verletzt oder desillusioniert, wenn man so verstanden wurde, wie man nicht verstanden werden wollte.

Gestern habe ich ein Interview mit einem mutigen Menschen angesehen. Ihr wurde eine Frage gestellt, sie begann zu antworten, brach ab und nahm sich die Freiheit zu sagen „Darüber muss ich erst noch nachdenken.“ Ich fand das bewegend und stark, dass ein Mensch sich nicht drängen lässt, zu schnell etwas in Worte zu fassen, die eventuell nicht klar genug sind und somit falsch ausgelegt werden könnten.

Denn wenn man einen Menschen verloren hat, der einem lieber war, als man sich selbst, da läuft man mit einer offenen Wunde rum… Was wirklich hilft, was man braucht – das merkt man oft erst dann, wenn man wirklich das bekommt, was für einen selbst „das Richtige“ ist.  Und selbst da gibt es meistens nicht die ultimative Lösung oder Hilfe. Der Schmerz verändert sich – genauso wie der Mensch selbst sich verändert, sein Leben und seine Bedürfnisse und auch die Lebensumstände. Ein Kindergartenkind braucht auch etwas anderes als ein Jugendlicher – um mal mit einem ganz banalen Vergleich zu kommen.

Ich bin oft selbst nicht gut mit klaren Ansagen. Auch einer der Gründe, warum ich hier schreibe… Es gibt bestimmt ein paar Leute da draußen, die fragen sich immer noch, was sie mir getan haben, dass ich mich distanziert habe. So ist das hier auch manchmal ein Versuch meinerseits – ein Versuch zu erklären, nicht zu entschuldigen. Denn so einfach ist das eben nicht. Es gibt Zeiten, da hat man keine Kraft, um „ein Komma oder ein Ausrufezeichen“ an den richtigen Platz zu setzen. Oder man weiß auch gar nicht wirklich, wo man es eigentlich will.

Rational ist das nicht. Aber was an uns Menschen und an unserem Leben ist schon logisch nachvollziehbar? Nicht alles ist schwarz/weiß. Nicht jedes Problem, jeder Konflikt kann einfach so gelöst werden. Wir sind Menschen. Sind wir gnädig mit uns – mit uns selbst, mit anderen, mit dem Leben.

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Julia ist Jahrgang 1981. Sie ist eigentlich Übersetzerin – singt aber am liebsten… und besser als sie übersetzt. 2011 wurde bei ihrem ältesten Sohn Jona ein Hirntumor, genauer bezeichnet als Medulloblastom, festgestellt. Seit seinem ersten Rückfall schreibt sie ihre Gedanken in Form eines Blogs nieder. Sie singt auf Hochzeiten und überall sonst, wo man Lieder braucht. Doch am liebsten nimmt sie Menschen durch ihre eigenen Lieder mit – mit in ihre eigene Welt. Sie bäckt so ungern Kuchen, dass, wenn sie’s doch einfach mal tut, der Rest der Familie fragt, wer denn Geburtstag hat. Sie wünscht sich, sie könnte besser schwimmen, ist aber doch nicht ehrgeizig genug, weil sie sich eigentlich mit Boden unter den Füßen am wohlsten fühlt. Und es geht ihr wie so vielen Müttern auf dieser Welt: Sie ist einfach gern allein – und ist sie’s dann tatsächlich, fühlt sie sich doch, als würde ihr ein Bein fehlen. Mit ihrem Mann, Jonas drei Brüdern und dessen Hund Mia lebt sie in Ravensburg.