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Von Eberhard – und netteren Kuscheltieren

Last updated on 21. Januar 2021

Es gibt so diese Tage, da stehe ich vor den stinknormalsten Dingen des Lebens als wären sie der Berg – und ich der Ochs. Mein Kopf mit allerlei Plänen und Ideen beladen, aber der Bereich, in dem „Lösungen auf Alltagsprobleme“ abgespeichert ist, der ist wie zugeschlossen.

Einer der Gründe, warum ich schreibe: Um mir selbst wieder Zugang zu verschaffen, zu irgendwo im Gehirn abgelegten Antworten und Lösungen. Ich schreibe, um genau diese zu finden, zu hinterfragen und zu teilen…

Ich glaube, ich bin ein Mensch, der gut erdulden kann, wenn sich keine Lösung finden lässt. Gibt es aber eine Lösung, dann kann ich sehr ungeduldig sein. „Gut Ding muss Weile haben…“ – damit komm ich nicht besonders gut klar.

Genauso erleben mich dann auch oft unsere Kinder. Ich erwarte ein Verhalten, eine Handlung, eine Veränderung  – wird nicht geliefert, kann ich sehr ungeduldig werden. Aber am schlimmsten für mich ist, wenn ich merke, der Zugang ist blockiert. Emotional schiebt einer den Riegel vor. Weil er mit sich selbst nicht im Reinen ist, weil ihn Dinge belasten und bedrücken, beschäftigen – und auch, weil ich als Gegenüber diese Ungeduld ausstrahle.

Wenn ich zuhöre, spüre ich selbst meine innere Ungeduld. Diese Ungeduld, die eine Lösung suchen will, eine Lösung erwartet – und bitte schnell! Diese Ungeduld, die weitergehen will, weil sie sich für ihre Begriffe sowieso schon zu oft im Zaum halten musste.

Und so stehe ich immer wieder mal da, vor meinem Leben: Ungeduldig. Wirklich ideenlos. Ratlos. Leerer Kopf. Und vor mir ein Kind, das sich zuschließt, das eine Mauer baut, die immer höher zu werden scheint. Eine Mauer aus tief sitzender Trauer, schlechten Gefühlen, selbstverachtenden Gedanken und der (wahrscheinlich von mir vererbten) inneren Ungeduld. Eine Mauer, die noch locker steht, aber wird sie mal fest, kann sie ein echtes Problem werden.

Und da seh ich die Kinder mit unserer Mia „Kuscheltiere spielen“. Mia ist der Boss (naja, sie ist ja auch das einzige lebendige Kuscheltier im Haus), die anderen (die nicht-lebendigen Kuscheltiere) sind die Gang. Und da – da muss ich an Eberhard denken.

Eberhard war der grüne Weltspartags-Geschenk-Sparkassen-Hase meines jüngeren Bruders. In der Hand meines Vaters konnte er meinen Bruder so zum Ausflippen bringen, dass der ihn fast in Fetzen gerissen hätte. Naja, Eberhard war auch nicht ohne! Der hatte Sprüche auf Lager… für einen Hasen von der Sparkasse echt unfassbar! Ob er auch nett konnte? Keine Ahnung mehr.

Und wie ich so unsere Jungs beobachte, wie sie mit Bully und Olly, und wie sie alle heißen, unsere Mia bespaßen und mir die Geschichten von Eberhard einfallen, da frage ich mich, warum ich vergessen habe, wie effektiv und heilsam das Puppenspiel doch ist. Und wie mir Rollenspiele viel mehr liegen, als Geschichten zu erzählen.

So kommt seit diesem Abend wieder Klein Bäri mit ins Bett und fragt, wie der Schultag so war, und warum der Streit am Mittag so eskaliert ist. Er beantwortet Fragen über Jona, mit dem er viel Zeit verbracht hat, den er sogar im Krankenhaus behandelt hat (weil er ist Arzt, der Klein Bäri – und nur nebenbei… er hat sich in der Schule echt ins Zeug gelegt). Nachher bittet er drum, sich mit unter die Decke kuscheln zu dürfen, weil er, auch wenn er schon älter ist und Arzt, doch ein kleiner Bär ist, der sich ab und zu fürchtet.

Das Eis taut wieder. Ein Herz, das hart werden möchte, wird wieder weicher. Ein meist nur noch trotziger Blick, wird wieder heller und fröhlicher. Und ganz nebenbei… wenn meine Hände das kleine Bärchen spielen, und meine Stimme sich in dieser Rolle zerbrechlich und heißer verstellt, dann ist auch meine Ungeduld verschwunden – und alles was zählt, ist der Moment.

4 Kommentare

  1. Rolf Mieger Rolf Mieger

    Vielen Dank für die Gedanken
    Papa

    • Julia Boskovic Julia Boskovic

      Ich hab dich lieb, Papa!

  2. Leslie Leslie

    Liebe Julia,
    Danke für diese heilsame Idee: mit dem Kuscheltier vorsichtig an die Mauer zu klopfen hinter der sich die Schwester (oder der Bruder) vor lauter Fragezeichen und Verwirrung im Kopf oder im Herzen zurückgezogen hat.
    Ich schätze deinen Blog sehr. Uns verbindet der Wegbegleiter Podcast.
    Viele liebe Grüße, Leslie

    • Julia Boskovic Julia Boskovic

      Liebe Leslie,
      vielen Dank dir! Das macht mich froh, zu sehen, dass die Gedanken nicht einfach nur im Internet „herumschwirren“, sondern auch tatsächlich irgendwo landen 🙂
      Von Herzen liebe Grüße,
      Julia

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Julia ist Jahrgang 1981. Sie ist eigentlich Übersetzerin – singt aber am liebsten… und besser als sie übersetzt. 2011 wurde bei ihrem ältesten Sohn Jona ein Hirntumor, genauer bezeichnet als Medulloblastom, festgestellt. Seit seinem ersten Rückfall schreibt sie ihre Gedanken in Form eines Blogs nieder. Sie singt auf Hochzeiten und überall sonst, wo man Lieder braucht. Doch am liebsten nimmt sie Menschen durch ihre eigenen Lieder mit – mit in ihre eigene Welt. Sie bäckt so ungern Kuchen, dass, wenn sie’s doch einfach mal tut, der Rest der Familie fragt, wer denn Geburtstag hat. Sie wünscht sich, sie könnte besser schwimmen, ist aber doch nicht ehrgeizig genug, weil sie sich eigentlich mit Boden unter den Füßen am wohlsten fühlt. Und es geht ihr wie so vielen Müttern auf dieser Welt: Sie ist einfach gern allein – und ist sie’s dann tatsächlich, fühlt sie sich doch, als würde ihr ein Bein fehlen. Mit ihrem Mann, Jonas drei Brüdern und dessen Hund Mia lebt sie in Ravensburg.