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„Ich will es gar nicht wissen“, denke ich bei mir und klicke die Nachrichten weg. Gibt es das noch irgendwo, dass die Welt einfach heile ist?

Dünnhäutiger – ja, ich hab das Gefühl ich bin dünnhäutiger geworden. Die letzte Zeit? Oder vielleicht doch einfach im Laufe der Zeit? – Oder durch den Lauf der Zeit?

Einzelne  Menschen, mit deren Schicksal ich mich wage auseinanderzusetzen, gehen mir nicht mehr aus dem Sinn, lassen mir einfach so die Tränen in die Augen schießen. Ich kenne viele Menschen, zu viele Menschen, die ein Schicksalsschlag getroffen hat. Zu viele Menschen, die mitten im Leben von eben diesem einfach ausgeknockt wurden. Zu viele Menschen, für die von einem Moment auf den anderen das Leben plötzlich anders lief.

Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, mein Herz kann manches nicht mehr ertragen – ich möchte diese Menschen sehen, sehen können. Möchte mich mit ihnen auseinandersetzen. Möchte sie kennenlernen, von ihnen lernen. Denn es sind doch so viele, die so wertvoll und unersetzlich sind für diese Welt. So viele, von denen ich lernen kann, weil sie über sich hinauswachsen und weitermachen. So viele, die laufen, so lang sie laufen können. Die stehen, solang die Beine sie tragen. Die leben, bewusst leben, so lange ihr Herz schlägt.

Als die Österreicher im Achtelfinalspiel der EM gestern in der ersten Hälfte der Verlängerung ihr zweites Tor kassierten, ging mir durch den Kopf:  „Was würde ich jetzt tun? Denn das wird nichts mehr…“  Doch plötzlich, da waren sie wieder – Österreich! Fast wie Phönix aus der Asche. In der zweiten Hälfte der Verlängerung. Auch wenn im Fußball (so wie im Leben) alles möglich ist, das Spiel schien verloren. Trotzdem, sie spielten ein Mörderspiel diese letzten fünfzehn Minuten. Ein Spiel das in meinen Augen mehr war, als nur der Versuch, den Ausgang zu wenden.

Wie schafft man es solch einen Kampfgeist zu beweisen? Zu kämpfen bis der Schiedsrichter abpfeift. Die Hoffnung nicht aufzugeben. Zu glauben, dass es das Spiel wert ist, wert gespielt zu werden. Wie macht man das?

Wie macht man das, glauben können, dass ein Leben es wert ist, wert gelebt zu werden? Auch wenn ein Leben als nicht lebenswert erscheinen könnte, gemessen an dem was der Mensch unserer Gesellschaft als lebenswert ansieht…

Wenn man glaubt, dass da mehr ist – mehr als nur das Leben an sich… Und damit meine ich nicht, das Leben mit einer gewissen Tünchung zu sehen, mit einem gewissen Anstrich zu leben – esoterisch, bunt, christlich, konservativ – wo und wie auch immer der Mensch sich zuordnet. Nicht stärkere Ansichten. Nicht eine stärkere Meinung. Nicht mehr Aktion.

Nein, einfach mehr. Glauben, dass da mehr ist als das Leben. Dass da mehr ist, mehr vom Leben. Mehr nach dem Leben. Mehr im Leben. Einfach – mehr Leben. Mehr echt. Mehr jetzt. Mehr voll und ganz. Voll und ganz – mehr.

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Julia ist Jahrgang 1981. Sie ist eigentlich Übersetzerin – singt aber am liebsten… und besser als sie übersetzt. 2011 wurde bei ihrem ältesten Sohn Jona ein Hirntumor, genauer bezeichnet als Medulloblastom, festgestellt. Seit seinem ersten Rückfall schreibt sie ihre Gedanken in Form eines Blogs nieder. Sie singt auf Hochzeiten und überall sonst, wo man Lieder braucht. Doch am liebsten nimmt sie Menschen durch ihre eigenen Lieder mit – mit in ihre eigene Welt. Sie bäckt so ungern Kuchen, dass, wenn sie’s doch einfach mal tut, der Rest der Familie fragt, wer denn Geburtstag hat. Sie wünscht sich, sie könnte besser schwimmen, ist aber doch nicht ehrgeizig genug, weil sie sich eigentlich mit Boden unter den Füßen am wohlsten fühlt. Und es geht ihr wie so vielen Müttern auf dieser Welt: Sie ist einfach gern allein – und ist sie’s dann tatsächlich, fühlt sie sich doch, als würde ihr ein Bein fehlen. Mit ihrem Mann, Jonas drei Brüdern und dessen Hund Mia lebt sie in Ravensburg.