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Winterschuh und Gipsfuß

Last updated on 29. März 2021

Dieses Paar Schuhe trug Jona dann im Winter – als dann die für ihn viel zu klobigen Adidas-Sneakers die Füße nicht mehr warm genug halten konnten. Damals war er schmal und schwach und so unsicher auf den Beinen. Bestrahlung und Chemo forderten ihren Tribut. Winterschuhe sind ja generell immer etwas fester und schwerer. Aber er brauchte Schuhe, die seine Füße warm hielten – er fror so schnell. Die hier waren ein guter Kompromiss.

Und so seh ich Jona noch neben mir sitzen im Wartezimmer der Ambulanz der Kinderklinik hier bei uns vor Ort. Da trug er nur noch einen dieser Schuhe. Der andere Fuß lag nämlich im Gips. Aus welchem Grund auch immer hatte er ein paar Wochen zuvor versucht auf den Badewannenrand zu steigen, war abgerutscht und hatte sich zu allem anderen noch den Fuß gebrochen.

Der Pfleger, der ihm damals in der Uniklinik den Gips anlegte, war der Bruder des damaligen Oberarztes der Kinderonkologie. Erzählte uns, sein Bruder habe es ein bisschen „weiter“ geschafft als er. Wir lachten. Und wir lachten, weil er meinte, er stünde schon kurz vor der Rente, aber so einen Fall habe er auch noch nie gehabt. Sei sein erstes Mal. Einem Kind aus der Onkologie einen Gips anlegen – habe er noch nie gemacht.

Der Alltag mit dem gebrochenen Fuß war alles andere als lustig. Jona konnte ja allein so schon immer noch nicht richtig laufen, das Gleichgewicht halten. Krücken zu benutzen war undenkbar. Ein enormer Rückschritt – wieder Rollstuhl, wieder auf dem Po durchs Haus rutschen. Getragen werden wie ein kleines Kind. Erst hieß es nur „Drei Wochen Gips“ – aus denen dann fast fünf wurden.

Und da wir immer nur in Krankenhäusern unterwegs waren, und alles immer Ausnahme war, wussten wir nicht, wie die Sachen im Normalfall so gehen. Zum Beispiel, dass die Klinik dir zwar den Gips dran macht. Diesen aber abnehmen, das erledigt normalerweise ein niedergelassener Arzt. Eine solche Info kam aber nicht bei uns an.

So gingen wir froher Dinge einige Zeit später wieder in die Klinik, nur um herauszufinden, dass das Abnehmen des Gipses nicht deren Aufgabe sei; und woanders braucht man dann erstmal noch einen Termin. Vielleicht war ich bei alldem etwas verplant… aber so wird man manchmal, wenn man immer nur noch auf Ärzte und Medikamente wartet.

Jona war am Boden zerstört und unglaublich enttäuscht und wütend. Er wolle seinen Gips weg und zwar sofort! Schon mal hätten sie ihn wieder mit dem Gips heimgeschickt, obwohl es geheißen hatte, er kommt ab. Er wollte den Winterschuh am Fuß nach Hause bringen und ihn nicht wieder in der Hand heimtragen!

Und so bin ich heute noch aus tiefstem Herzen dankbar für den Arzt (ich erinnere mich zu seinem eigenen Glück weder an seinen Namen noch an sein Gesicht), der solch ein Mitleid hatte, dass er sich tatsächlich von irgendwo her eine Säge bringen ließ, auf alle Regeln pfiff und kurzerhand den Fuß wieder freilegte. Dank ihm konnte Jona erleichtert nach Hause gehen – einen Gips weniger und einen Schuh mehr an den Füßen.

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Julia ist Jahrgang 1981. Sie ist eigentlich Übersetzerin – singt aber am liebsten… und besser als sie übersetzt. 2011 wurde bei ihrem ältesten Sohn Jona ein Hirntumor, genauer bezeichnet als Medulloblastom, festgestellt. Seit seinem ersten Rückfall schreibt sie ihre Gedanken in Form eines Blogs nieder. Sie singt auf Hochzeiten und überall sonst, wo man Lieder braucht. Doch am liebsten nimmt sie Menschen durch ihre eigenen Lieder mit – mit in ihre eigene Welt. Sie bäckt so ungern Kuchen, dass, wenn sie’s doch einfach mal tut, der Rest der Familie fragt, wer denn Geburtstag hat. Sie wünscht sich, sie könnte besser schwimmen, ist aber doch nicht ehrgeizig genug, weil sie sich eigentlich mit Boden unter den Füßen am wohlsten fühlt. Und es geht ihr wie so vielen Müttern auf dieser Welt: Sie ist einfach gern allein – und ist sie’s dann tatsächlich, fühlt sie sich doch, als würde ihr ein Bein fehlen. Mit ihrem Mann, Jonas drei Brüdern und dessen Hund Mia lebt sie in Ravensburg.