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Zu weit, harte Sohle, zu schwer – und trotzdem passend

Dieses Schuhpaar ist von allen hier das kleinste… Direkt nachdem ihm der Tumor entfernt worden war, konnte Jona nicht mehr laufen. Ganz am Anfang konnte er noch nicht mal mehr den Kopf halten, dort auf der Intensivstation in seinem Bett.

Ich erinnere mich daran, wie wir nach Hause gingen, während die OP lief. Wie wir gebangt haben und gebetet, gehofft, einfach nur gehofft – diese Stunden lang, die uns vorkamen wie Wochen. Wie dann der Anruf kam: Sie sind fertig. Alles gut verlaufen. Wir können uns langsam auf den Weg machen. Ich erinnere mich an den Neurochirurgen, der etwas später vorbeikam, an Jonas Bett stand, mit Tränen der Erleichterung in den Augen.

Ich erinnere mich, wie wir mit allem, was ging, versuchten Jona zu motivieren. Wir wollten sehen, dass alles noch funktioniert – dass er uns versteht, noch sprechen, sich bewegen kann. Vor dem Fenster war eine Baustelle. Das Krankenhaus wurde gerade umgebaut. „Willst du dir nicht den Kran anschauen?“ haben wir ihn immer wieder mal gefragt.

Ich hatte ihm ein Playmobil Wohnmobil mitgebracht – weil eigentlich war unser Auto schon gepackt gewesen für den Urlaub; und dann kam ja alles anders. Die Kopfschmerzen. Die „Diagnose Sommergrippe“. Jonas Angst, er würde die Abschlussübernachtung der Vorschüler vom Kindergarten verpassen. Das war unsere einzige Sorge. Wer hätte denn mit einem Hirntumor gerechnet?

Dann das Schielen. Der Augenarzttermin. Zum ersten Mal las ich dann „Hirnwasserstau kann ein Zeichen für einen Hirntumor sein. Hirntumoren sind aber äußerst selten“. Das wird es schon nicht sein… äußerst selten. Jona wird nicht der sein, den etwas Seltenes trifft! Dann das MRT. Hirntumor. Die Hoffnung, der Tumor könne gutartig sein. Gut zugänglich war er ja. Dann die OP. Er war raus. Dann die Klarheit. Es ist zwar alles raus, aber der Tumor ist bösartig. Es muss nachbehandelt werden.

Und so lag Jona da. Wir waren uns sicher, er versteht uns. Wird er wieder mit uns sprechen? Schließlich kam Jonas Bruder. Nun bauten wir mit ihm das Wohnmobil auf, und dann spielte er damit – statt Jona. Er spielte Urlaub – Urlaub auf der Intensivstation.

Es war schon spät geworden. Zeit für unseren Zweiten, der ziemlich schnell feststellte „Wenn Jona nicht mehr heimkommt, dann bin ich ja der Älteste hier.“ – „Nein, bist du nicht. Jona wird immer der Älteste sein. Und Jona wird wieder nach Hause kommen“. Zeit für den, der zwar nie der Älteste sein wird, aber seither diese Rolle eingenommen hat – Zeit für ihn nach Hause zu gehen.

Ich seh ihn noch an der Türe stehen „Tschüss, Jona!“. Der drehte den Kopf, sah ihn an und meinte „Wenn ich heimkomm, dann verschlag ich dich…“ – Was für eine Freude!!! Er war wieder da! Er wollte den Kran sehen, das Wohnmobil. Und dann hieß es arbeiten – hart arbeiten. Stehen lernen. Laufen lernen. Das Gleichgewicht wiedergewinnen. Neu lernen, die Hände zu benutzen.

Immer wieder hing er durch… Und ich weiß noch, einmal da wurde er so wütend, dass er einen Teller gegen die Wand schmiss. Und immer wieder biss er sich aus lauter Frust in den Arm. Da machten wir einen Deal: Wut – Ja. Beißen – Mamas Arm! Das musste raus… Denn es ist doch furchtbar, wenn man plötzlich wieder wie ein Baby ist!

Vieles kam wieder. Ein langes Auf und Ab. Und dann wollte er genau diese Schuhe. Er wollte auch cool sein. Ich hätte ihm irgendwelche gescheiten Schuhe gekauft. Schuhe, die gute Mütter für ihre Kinder kaufen… optimale Passform, weiche Sohle, leicht. Wie langweilig!!! Jona wollte diese Schuhe. Mir war klar, die würden ihm das Laufen nicht leichter machen. Aber – er hat sie getragen. Wie unschwer zu erkennen ist.

Jona hat sich das Laufen unnötig schwer gemacht. Aber seinerseits war das ein Statement: Ich kann wieder laufen; und das in den Schuhen, die ich haben will, und die mir gefallen. Das war doch was! Unabhängig. Selbstbestimmt. Das ist eben nicht so einfach in solchen Situationen, wenn man eigentlich auf andere angewiesen ist, und doch wahrscheinlich selbst klarkommen könnte – nur man weiß es ja nicht wirklich, weil es unvernünftig wäre, genau das auszuprobieren. Ufff… das ist kompliziert! Und genau das war es auch.

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Julia ist Jahrgang 1981. Sie ist eigentlich Übersetzerin – singt aber am liebsten… und besser als sie übersetzt. 2011 wurde bei ihrem ältesten Sohn Jona ein Hirntumor, genauer bezeichnet als Medulloblastom, festgestellt. Seit seinem ersten Rückfall schreibt sie ihre Gedanken in Form eines Blogs nieder. Sie singt auf Hochzeiten und überall sonst, wo man Lieder braucht. Doch am liebsten nimmt sie Menschen durch ihre eigenen Lieder mit – mit in ihre eigene Welt. Sie bäckt so ungern Kuchen, dass, wenn sie’s doch einfach mal tut, der Rest der Familie fragt, wer denn Geburtstag hat. Sie wünscht sich, sie könnte besser schwimmen, ist aber doch nicht ehrgeizig genug, weil sie sich eigentlich mit Boden unter den Füßen am wohlsten fühlt. Und es geht ihr wie so vielen Müttern auf dieser Welt: Sie ist einfach gern allein – und ist sie’s dann tatsächlich, fühlt sie sich doch, als würde ihr ein Bein fehlen. Mit ihrem Mann, Jonas drei Brüdern und dessen Hund Mia lebt sie in Ravensburg.