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Von der Gefährlichkeit des Lebens und des Liebens

„Irgendwann mal fahr ich in dem Team!“ meint unser Zehnjähriger neben mir, angeheizt von der Netflix-Doku. Er fiebert mit. Beinahe so, als würde er gerade live im Fernsehen ein Formel eins Rennen verfolgen.

Es ist noch nicht lange her, da hat er endlich sein Weihnachtsgeschenk eingelöst – einen Gutschein für einen „Kartführerschein“ bei der Kart-Bahn in der Nähe. Sofern sein Geldbeutel es zulässt, kann er damit jederzeit für eine Runde Zeitfahren einchecken. Er wäre fast eingeschlafen auf der Heimfahrt, so sehr hat er sich verausgabt. Und wie er gekämpft hat, nur um überhaupt mit den Füßen an Gas und Bremse zu kommen.

„In den Ferien wieder?“ – „Vielleicht isst du erst ein paar Schnitzel… Wie der Mann, der mit euch diesen Führerschein gemacht hat, gemeint hat – und kommst dann zurück?“

Er redet von einer Ideallinie, von dem Spiel mit Bremse und Gas – und diesem Team, in das er mal will… „Mir wünsch ich’s nicht – aber dir vielleicht schon…“ denk ich mir nur. „Dir wünsch ich alles… die Kripo, die Formel eins, das Karate, die Expeditionen… Doch mir – mir wünsch ich nichts davon.“ Denn diese Liste der Dinge, die er mal tun oder werden will, liest sich wie ein einziger Krimi, geschrieben, um einer Mutter Angst zu machen.

„Zieh deinen Helm auf!“ Ein Augenverdreher. Er kommt zurück, holt ihn, hängt ihn an den Lenker. „Ich zieh ihn unten an der Straße an“, versichert er mir. „Wer’s glaubt wird selig!“ ruf ich ihm hinterher. Klar, er ist fünfzehn… „Schade um all die mühsam gelernten Vokabeln, wenn’s dir das Hirn zermatscht…“ füge ich hinzu. Makaber sein, das hilft mir. Ein blöder Witz, damit die Gefühle nicht zu sehr überhand nehmen.

Diese Angst einander zu verlieren, den anderen alleine zurücklassen zu müssen, die verfolgt uns. Deswegen sind wir uns näher, als wir es uns vor Jonas Tod waren. Und deswegen aber auch grenzen wir uns voneinander ab. Vielleicht sogar mehr, als wir es vorher taten.  

Ich steige ins Flugzeug. Wir verbringen wunderschöne Stunden. Doch auch Tage später, ich liege längst wieder zu Hause in meinem Bett, fühlt es sich immer noch an, als sei mein Gehirn geteilt – geteilt in zwei Hälften. Die eine hat den Kurzurlaub aufgesogen, wie ein trockener Schwamm das Wasser. Und die andere kreist immer noch – immer noch unaufhörlich. Immer um diesen einen Gedanken „Was, wenn uns irgendwas passiert? Wie werden die Kinder klarkommen?“

Ich bin nicht die einzige in unserer Familie, die von diesen Gedanken geplagt wird. „Ich bin so froh, dass ihr wieder da seid!“ sagt unser kleiner draufgängerischer Kart-Fahrer. „Ich hab echt Angst gehabt… Aber ich war mir auch sicher, Gott wird nicht zulassen, dass euch was passiert. Sonst bring ich ihn um!“

Was soll ich sagen? Dass man Gott nicht umbringen kann? Dass wir nicht wissen, was sein wird. Aber, dass wir immer glauben wollen, dass wir stark genug sein werden um zu tragen, was uns und um uns geschieht. (Natürlich weiß ich, dass es auch sein kann, dass wir vielleicht nicht stark genug sein werden… dass auch das der Fall sein kann – das sage ich ihm nicht.) Ich sage ihm, dass mich die genau gleichen Ängste plagen. Aber dass es keinen Sinn macht, sich davon einschränken zu lassen.

Denn der Mensch ist, was der Mensch eben ist – verletzlich. Und das Leben ist, wie alles andere im Leben auch – lebensgefährlich. Und das ist die wahre Kunst, der Drahtseilakt, den wir Menschen beherrschen müssen – wir verletzlichen Menschen in diesem lebensgefährlichen Leben: Festzuhalten ohne komplett zerstört zu sein, wenn einem etwas entrissen wird. Sich abzugrenzen, ohne sich komplett zu entfernen oder eine Mauer um sich zu bauen. Das eigene Herz zu schützen, ohne komplett zu erkalten.

Bei aller Gefährlichkeit: Weiterleben. Weiterlieben.

Ein Kommentar

  1. Liebe Julia, du bringst es wieder auf den Punkt. Das Leben ist lebensgefährlich. Und endet sicher tödlich. Vielleicht bin ich allzu pragmatisch, auch aus Eigenschutz. Und ganz sicher sind deine, eure Gedanken und Gefühle anders, intensiver, geprägt durch eure Familiengeschichte. Morgen ist es vier Jahre her, dass Jona den Schritt „hinüber“ gemacht hat (oder täusche ich mich im Datum?). Diese „Geschichte“, sein Leben, hat euch geprägt. Ich muss grinsen bei dem Satz „zieh den Helm auf“…. gestern sagte eine fünf Jahre ältere Bekannte diesen Satz zu mir und ich hatte???? Die Augen verdreht. 😉
    Ganz liebe Grüße an euch alle.

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Julia ist Jahrgang 1981. Sie ist eigentlich Übersetzerin – singt aber am liebsten… und besser als sie übersetzt. 2011 wurde bei ihrem ältesten Sohn Jona ein Hirntumor, genauer bezeichnet als Medulloblastom, festgestellt. Seit seinem ersten Rückfall schreibt sie ihre Gedanken in Form eines Blogs nieder. Sie singt auf Hochzeiten und überall sonst, wo man Lieder braucht. Doch am liebsten nimmt sie Menschen durch ihre eigenen Lieder mit – mit in ihre eigene Welt. Sie bäckt so ungern Kuchen, dass, wenn sie’s doch einfach mal tut, der Rest der Familie fragt, wer denn Geburtstag hat. Sie wünscht sich, sie könnte besser schwimmen, ist aber doch nicht ehrgeizig genug, weil sie sich eigentlich mit Boden unter den Füßen am wohlsten fühlt. Und es geht ihr wie so vielen Müttern auf dieser Welt: Sie ist einfach gern allein – und ist sie’s dann tatsächlich, fühlt sie sich doch, als würde ihr ein Bein fehlen. Mit ihrem Mann, Jonas drei Brüdern und dessen Hund Mia lebt sie in Ravensburg.