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„Nur“ ich – und Schnuffi…

Warum war es dein Wunsch, mehr als „nur“ ein Kind zu haben?

Wenn ich ehrlich bin, lag es bestimmt auch daran, dass ich selbst Vorurteile gegenüber Leuten hatte, die „nur“ ein Kind vorweisen konnten. Außerdem wollte ich in dem Umfeld, in dem ich mich meistens bewege, nicht außen vor sein. Trauen sich die Leute in christlich geprägten Kreisen oft eher, mehrere Kinder zu haben. Und natürlich habe ich auch an meinen Sohn gedacht und hab ihm irgendwie gewünscht, dass er mit Geschwistern aufwachsen darf.

Erinnerst du dich noch an den Punkt, als du nach einem positiven Schwangerschaftstest nicht mehr euphorisch warst, sondern nur noch skeptisch oder ängstlich?

Ich weiß nicht, ob es da einen bestimmten Punkt gab. Ich bin sowieso ein eher ängstlicher Mensch. Aber ich kann mich erinnern, dass ich mich bei den letzten drei Tests kaum gefreut habe, sondern eigentlich schon „erwartet“ habe, dass wieder etwas nicht stimmt.

Wäre dieses Thema deines Lebens ein Kapitel eines Buches…Wie würde die Überschrift lauten?

Diese Frage ist nicht so einfach… mir fallen Schlagwörter ein wie: unerfüllte Hoffnung, Verzweiflung, Trauer, Wut, Bitterkeit, Neid

Welchen Stellenwert hätte dieses Kapitel im Buch – wäre es entscheidend für die Handlung?

Es würde wahrscheinlich einen großen Teil im Buch ausmachen, aber ich möchte nicht, dass dieser dunkle Teil mein Leben dominiert, und ich möchte mich auch nicht darüber definieren („Ich bin Bianca hab schon sechs Fehlgeburten hinter mir…“). Ob es entscheidend für die Handlung wäre, ist eine gute Frage. Ich denke, es hängt davon ab, wie ich damit umgehe. Ich glaube es ist in Ordnung, Wut, Traurigkeit und Verzweiflung zu spüren, und auch dass Gefühle wie Neid und Bitterkeit aufkommen. Aber ich denke es ist wichtig dort nicht stehenzubleiben. Mich haben diese Gefühle vergiftet, und es hat alles nur noch unerträglicher gemacht. Nicht nur für mich… auch für meine Familie. Diese Gefühle haben immer einen zerstörenden Charakter und sind beziehungsschädigend. Aber das Gefühl der Trauer und Wehmut darf sein…es gehört irgendwie zum Leben dazu. Die Frage ist deshalb, wie ich mit all dem umgehe… Ich denke das ist entscheidend für die Handlung.

Du hattest als Jugendliche einen schweren Unfall, mit dessen Folgen du auch jetzt noch kämpfst. Was bereitet dir mehr innere Kämpfe und warum?

Das mit den ganzen Schwangerschaftsabgängen hat mir mehr innere Kämpfe bereitet. Ich denke einfach deshalb, weil es so „offensichtlich“ war. Ich konnte „nur“ ein Kind vorweisen. Außerdem fühlte ich mich „schuldig“, weil mein Körper nicht in der Lage war, das zu leisten, was er als der Körper einer Frau zu leisten hatte. Egal welche Anstrengungen ich unternahm (Kinderwunschzentrum, Hormone….) Meine Verletzungen vom Unfall konnte ich vor den Blicken der anderen schützen und konnte zudem auch keinen Einfluss mehr darauf nehmen. Die Verletzung am Fuß war irreversibel. Dagegen gibt es für das Problem „Fehlgeburt“ ja tausend und eine Lösungen, die auch oft sehr erfolgsversprechend sind und einem immer wieder in Aussicht gestellt werden.

Trauerst du anders über deine körperlichen Einschränkungen durch deinen Unfall, als du bezüglich deinem nicht wahr werdenden Wunsch, noch einmal schwanger zu werden, trauerst?

Also über meine Einschränkungen durch den Unfall habe ich, glaube ich, nie wirklich getrauert. Sicher hat es mich manchmal genervt, wenn ich dadurch etwas eingeschränkt war, aber es hat nie diese Gefühle in mir ausgelöst, wie es der Wunsch nach einer zweiten Schwangerschaft getan hat. Aber auch beim unerfüllten zweiten Kinderwunsch habe ich die Trauer sehr lange „weggedrückt“ und sie nicht zugelassen. Ich denke, dass das ein Fehler war. Es ist wichtig diese Trauer zuzulassen, damit all das verarbeitet werden kann.

Wie geht es dir im Moment?

Im Moment geht es mir gut. Ich denke, bei meiner zweiten Eileiterschwangerschaft, und der insgesamt siebten Schwangerschaft, ist nochmal der ganze Schmerz und die Trauer über die vergangenen Abgänge hervorgebrochen. Ich habe gedacht: „okay, das werde ich nicht schaffen…, das „überleb“ ich nicht“. Der Schmerz hat mich fast überwältigt. Aber ich glaube, ich versuche jetzt mich mit dem Gedanken anzufreunden, ein wunderbares Kind, zu haben. Ein „Ja“ dafür zu haben, weil so sieht mein Leben aus, anders als vorgestellt und erwartet. Aber deswegen nicht schlechter.

Hast du das Gefühl, da ist Mitleid oder Verständnis von außen? Was hättest du lieber – Mitleid oder Verständnis?

Ich glaube ich mag es mehr wenn Leute Verständnis zeigen und versuchen, sich in meine Lage zu versetzen. Am besten hat es mir getan, mit Leuten zu sprechen, die ähnliches erlebt und durchlebt haben.

Danke dir! Ich schätze das sehr, deine Ehrlichkeit, deine konsequente Direktheit, ohne permanent zu überspielen. Das ist wertvoll – bewahr dir das!

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Julia ist Jahrgang 1981. Sie ist eigentlich Übersetzerin – singt aber am liebsten… und besser als sie übersetzt. 2011 wurde bei ihrem ältesten Sohn Jona ein Hirntumor, genauer bezeichnet als Medulloblastom, festgestellt. Seit seinem ersten Rückfall schreibt sie ihre Gedanken in Form eines Blogs nieder. Sie singt auf Hochzeiten und überall sonst, wo man Lieder braucht. Doch am liebsten nimmt sie Menschen durch ihre eigenen Lieder mit – mit in ihre eigene Welt. Sie bäckt so ungern Kuchen, dass, wenn sie’s doch einfach mal tut, der Rest der Familie fragt, wer denn Geburtstag hat. Sie wünscht sich, sie könnte besser schwimmen, ist aber doch nicht ehrgeizig genug, weil sie sich eigentlich mit Boden unter den Füßen am wohlsten fühlt. Und es geht ihr wie so vielen Müttern auf dieser Welt: Sie ist einfach gern allein – und ist sie’s dann tatsächlich, fühlt sie sich doch, als würde ihr ein Bein fehlen. Mit ihrem Mann, Jonas drei Brüdern und dessen Hund Mia lebt sie in Ravensburg.